Impressionen aus Ägypten
Unser Ziel: Kairo, mit 22,2 Millionen Einwohnern die größte Metropole der arabischen Welt und Afrikas. Dieses schier endlose Häusermeer am längsten Fluss inmitten der größten Wüste der Erde kann seit Anfang November mit einer neuen Superlative aufwarten, dem unbedingt sehenswerten, gigantischen GRAND EGYTIAN MUSEUM: eine futuristische Kathedrale, die den Schätzen des Altertums in Sichtweite der Pyramiden von Gizeh ein würdiges Ambiente verleiht.
Inmitten des Großstadtdschungels „versteckt“ sich zudem eines der einflussreichsten Arabergestüte der Welt, das ägyptische Staatsgestüt El Zahraa. Zur Gründung vor 97 Jahren befand es sich noch in der unberührten Sahara. Aus dieser Wiege der ägyptischen Araberpferde, der „Straight Egyptians“ kamen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die wichtigsten Stempelhengste für die deutsche Araberzucht, die drei Nazeer-Söhne Ghazal, Hadban Enzahi und Kaisoon. Im 21. Jahrhundert übertreffen allerdings die Importe nach Ägypten bei weitem die Exporte. Denn Ägyptens Vollblutaraberzucht boomt und ist heute die zweitgrößte nach Saudi Arabien, mit 2024 fast 1.900 Fohlengeburten. Und die Züchter sind beseelt von einem Enthusiasmus, den man hierzulande leider nur noch punktuell oder in Erinnerung an die „gute alte Zeit“ kennt. Genug Gründe, dem europäischen Novembergrau zu entfliehen, um im goldenen Herbst Nordafrikas neben Weltkultur vor allem das Zusammentreffen mit Freunden und Züchterkollegen und herrlichen Pferden zu genießen.
Mit einer kleinen Auswahl an Fotos wollen wir Ihnen ein kleines Schaufenster in das dortige Zuchtgeschehen öffnen. Das Erbe der „alten“ deutschen Ägypterzüchter wird dort auf manchen Gestüten hoch geschätzt und mit Sachverstand bei ihren Zuchtüberlegungen genutzt. Hoffen wir, dass es sich im globalen Trend des „Showarabers“ wird behaupten können und dass nicht nur auf Schönheit, sondern auch auf Leistung und Charakter geachtet wird. Wir waren u.a. eingeladen, drei befreundete Gestüte zu besuchen, die eine enge Zusammenarbeit pflegen. Deren letzter Coup war es, den „alten Herren“ Ansiba Mujalli (Maysoun/Ansiba Joumanah) von Elke Behrens zu pachten, von dem im Dezember die ersten Fohlen geboren werden. Außerdem stand als Highlight das traditionelle Gestüt von Mohamed Badrawy auf unserem Programm. Und schließlich als Kontrastprogramm die Pferde der Tahawi im Nildelta.
Al Hayah Gestüt
Das Ehepaar Claudia Bögershausen und Mohamed Abd El Latif gründete ihre kleine, aber feine Zucht auf eine Stute und einen Hengst von Dina und Peter Groß, Bint Molesta (El Shahwan/Molesta I) und Sheikh El Araby (Mahfouz/Bint Bint El Araby), beide ingezogen auf Hadban Enzahi und Moheba II von Ghazal. Im Land ihrer Vorfahren auf dem Al Haya Gestüt entfaltet sich ihr genetisches Potential in ihren Nachkommen in Kombination mit Hengsten anderer Linien aus Ägypten und USA. Das zauberhafte Jährlingsstütchen Mazyonat Al Haya (Kosai ZAD/Manaya Al Hayah) wurde von Mohamed selbst auf dem Egyptain Event Cairo vorgestellt.
Zad El Rakeb Gestüt
Seit über 20 Jahren betreibt die Familie von Mahmoud Adel mit viel Engagement und Erfolg ihr Gestüt. Mehrere der gezeigten Stuten können ihren Vater El Thay Kamil (Ansata Selman/El Thay Kamla) nicht verleugnen. Der bedeutende Tallahsman, der über Imperial Madheen auf Messaoud/Madkour /Morafic zurückgeht, hat mit seinen Töchtern und seinem Sohn Amir ZAD das Gestüt geprägt. Mit Kamil ZAD steht ein vielversprechender Nachwuchshengst von Mashour Halim (El Thay Khemal Pasha/ Malikah Halima) in den Startlöchern, der mütterlicherseits außerdem El Thay Kamil im Pedigree führt.
El Sayed Gestüt
Der befreundete Ahmed El Sayed hat als Zuchtbasis zwei Töchter von Amir ZAD und eine Enkelin von El Thay Kamil auf Zad El Rakeb erworben. Eine ganz besondere Perle ist Muneera Al Hayah (Mahboub Al Haya/Manaya Al Haya). Sie ist ingezogen auf die Stute Mayar Al Hayah (Sheikh El Araby/Bint Molesta). Auch ihr Vollbruder Mashaal Al Haya wusste sehr zu gefallen. Besonders freuten wir uns, die von uns gezogene Rua El Bediya in bester Gesundheit wiederzusehen. Auch drei Jungspunde führen “deutsches“ Ägypterblut: Helal El Sayed über seinen Vater Mashour Halim, Farah El Sayed über Shady Ikhnatoon, der über Tayar auf Montasar (Madkour/Maymoonah) und die berühmte Tamria II aus Babolna zurückgeht. Das Fohlen von Jasser Agyad aus der Salma ZAD hat über seinen Vater Shabeeb Ikhnatoon ebenfalls Tayar und zusätzlich die Stute Shabeeba (Mahfouz/Shabeeba aus der Bint Saema) aus der Zucht der Familie Groß in der Abstammung.
Badrawy Gestüt
Bereits in zweiter Generation führt Mohamed Badrawy, ein viel gefragter internationaler Schaurichter, eine beeindruckende Zucht, die auf drei Stammstuten aus El Zahraa zurück geht: Gihan (Dahmah Shahwaniah), Mahlaha (Saklawiah Jidraniah) und Shamaa (Obeyah Om Grees). Der wichtigste Hengst der letzten Dekade war Sultan Badrawy, von dem einige qualitätsvoll Söhne, Töchter und Enkel beeindruckten. Man konnte sich gar nicht satt sehen an all den wunderschönen Pferden und auch die Kamera kam nicht zur Ruhe, um nur einen kleinen Abglanz von ihnen einzufangen, den wir hier mit Ihnen teilen wollen.
Egyptian Event Cairo
Dieses nationale Championat für reine Ägypter fand über vier Tage statt mit einer riesige Anzahl von Startern, von denen wir in Europa nur noch träumen können. Die einheitlich hohe Qualität, allerdings wie weltweit in einem fast uniformen Typ, und die große Begeisterung bei den Besitzern hielten uns dennoch nicht davon ab, nach einem Tag auf der Schau mit unserem guten Freund Yasser Ghanim ins nordöstliche Nildelta in die Provinz Sharkeia zu fahren, um dort seine Pferde und die seiner Großfamilie kennenzulernen. Eine ganz andere Art asiler Pferde erwartete uns, darunter wahre Raritäten.
Die Pferde der Tahawi
Die Tahawi sind eine Minderheit in Ägypten. Ihre Vorfahren waren Beduinen und kamen aus Syrien, zusammen mit ihren Pferden. So ist es nicht verwunderlich, dass unter ihnen bis heute eine ununterbrochene Zuchttradition gepflegt wird. Und das trotz der Schikanen, die ihnen von offizieller Seite entgegen schlugen. Obwohl die meisten ihrer Pferde in den 1980er Jahren für ein Stutbuch minutiös mit einem 5-Generationen-Pedigree erfasst wurden, blieb ihnen aus politischen Gründen die Anerkennung als Vollblutaraber verwehrt. Als dann nur noch offiziell registrierte Araber an Rennen teilnehmen durften und dazu widrige wirtschaftliche Umstände kamen, reduzierten sich die ursprünglichen etwa 400 reinen Tahawi-Pferde auf weniger als eine Handvoll.
In diesem Zusammenhang ist wichtig zu bedenken, welchen Einfluss Pferde der Tahawi zu Beginn der Zucht in Ägypten hatten. Der Jahrhunderthengst Nazeer geht zweimal auf die Tahawi-Stute Maanaghia Hadragia zurück. In den ehemaligen königlichen Gestüte Inshass und Kafr Ibrash gründeten sie wertvolle Linien, die heute ein Outcross-Element in der durch Inzucht geprägten Ägypterzucht darstellen, etwa die Obeyah-Familie der El Shabaa, zu der auch die berühmte Stute Hanan von Dr. Nagel gehörte. Auch die bekannte Stammstute Hania der Kauber Platte geht wahrscheinlich auf Tahawi-Linien zurück, auf die Stute Obeya von Kafr Ibrash, dem Gestüt der damaligen Königin Nazli. Drei Stuten, Futna, Folla und Bint Barakat fanden später über die Hamdan Stables ebenfalls Eingang in die offiziellen Stutbücher. Deren Nachfahren wurden von den Tahawi erworben, als sie mit den eigenen Pferden vom Rennsport ausgeschlossen wurden. Sie stellen heute den überwiegenden Teil ihrer Pferdepopulation dar. Diese Pferde sind keine Schaupuppen, sondern ursprüngliche Beduinenpferde, die auf der Rennbahn und neuerdings auch im Distanzsport zum Einsatz kommen.
Es wäre zu wünschen, dass die ganze Vielfalt des arabischen Pferdes für die Zukunft erhalten werden kann, wie wir sie im Land am Nil erleben durften. Man kann nur hoffen, dass bei aller Konzentration auf ein einheitliches Schönheitsideal die ursprüngliche Vielfalt an Typen und Blutlinien, aber auch die reiterliche Eignung nicht verloren geht. Das arabische Pferd auf einen einzigen Phänotyp zu reduzieren und ihn mit den Darstellungen europäischer Künstler im 19. Jahrhundert oder gar denen des alten Ägyptens vor über 3.000 Jahren zu rechtfertigen, ist fatal. Denn es entspricht nicht der historischen Realität und hat zu den fragwürdigen Veränderungen der Zucht geführt, vor allem wo es um den Erfolg auf Schauen geht, die zu einem reinen Beauty-Wettbewerb degeneriert sind. Glücklicherweise gibt es einen Gegenentwurf, etwa bei den Nachfahren der Tahawy-Beduinen. Für deren alten Blutlinien hängt die Zukunft allerdings an einem seidenen Faden. Wenn kein Wunder geschieht, werden diese seltensten Linien wie Kuhaila Jeathniya und Kuhaila Tamriya für immer verloren sein.
Gabriele Seidlitz-Oster & Matthias Oster
